KI macht uns produktiver, eloquenter und schneller – und nimmt uns dabei Stück für Stück die eigene Stimme. Wer heute einen LinkedIn-Post schreibt, ein Bewerbungsschreiben formuliert oder Code entwickelt, steht vor derselben Frage: Wie viel davon bin noch ich? Einige Überlegungen, und ein Vorschlag.
Beispiel Bewerbungen: Die Paradoxie der Perfektion
KI-unterstützte Bewerbungsschreiben haben das Recruiting verändert. Heute kann jeder ein perfekt formuliertes Anschreiben abliefern, und genau das macht sie wertlos. Rechtschreibfehler werden paradoxerweise zum Qualitätsmerkmal, weil sie Echtheit signalisieren. KI macht keine Fehler, der Mensch schon. Schlaue bauen absichtlich Fehler ein, damit das Anschreiben authentischer wirkt.
Wenn dann ein Bewerber mit Sprachniveau B1 einen Text in makelloser Sprache einreicht, fällt das spätestens im Erstgespräch auf. Einige Bewerber kennzeichnen offen, dass sie KI zur Unterstützung genutzt haben. Diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen.
Um dieser Veränderung Rechnung zu tragen, haben wir den Bewerbungsprozess am CityLAB um ein digitales Video-Erstgespräch erweitert. 30 Minuten reichen oftmals aus, um einen Eindruck zu bekommen und zu bewerten, ob sich ein tiefergehendes Vorstellungsgespräch für Bewerbende und Organisation lohnt.
Netzwerke & Social Media: Der Verlust der persönlichen Stimme
Auf LinkedIn und anderen Plattformen klingen mittlerweile alle eloquent und professionell. KI macht’s möglich. Die Profis verraten sich nur noch durch Details: Sie ersetzen die typischen ChatGPT-Gedankenstriche durch Kommas, bevor sie posten. Oder sie nutzen Claude oder Gemini, die das Problem nicht haben.
Wer sich wirklich Mühe gibt und Zeit investiert, gerät ins Hintertreffen. Die eigene Sichtbarkeit leidet unter der Flut KI-gestützter Inhalte. Gleichzeitig entwickeln wir ein besseres Gespür für “AI Slop”, jene perfekt erscheinenden, aber seelenlos wirkenden Inhalte ohne menschliche Note.
Wie in der Malerei, wo zu viele gemischte Farben ein matschiges Grau ergeben, verwässert KI-Content die Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen. Social-Media-Plattformen sind voll davon. Das lustige Video mit dem Papagei, der nachts um drei Alexa steuert und die Familie terrorisiert? Lustig, aber leider nur KI. Im Kampf um Aufmerksamkeit ist die Authentizität das erste Opfer.
Der Verlust der eigenen Stimme verläuft meist schleichend: Erst nutzt man KI nur für Rechtschreibung, dann für ganze Sätze, schließlich für komplette Texte. Manche füttern das Sprachmodell mit vorherigen Werken, in der Hoffnung, den persönlichen Stil zu bewahren. Aber wenn man das ein paar Mal macht, ist nur noch eine verwässerte Kopie der Kopie übrig. Homöopathische Persönlichkeit.
Ich spreche aus eigener Erfahrung, kaum ein Text, der nicht durch einige Ping-Pong-Runden mit dem Sprachmodell verbessert werden kann: “Schreibe schlauer mit etwas mehr Humor”. Zehn Sekunden später liegt das verbesserte Ergebnis vor. Der Autor wird zum Lektor.
Die Versuchung ist groß, auch beim Schreiben dieses Textes, der gedrafted, strukturiert, überarbeitet, dann kritisch reflektiert und wieder verworfen wurde, bevor ich nun einen neuen Anlauf starte, jetzt ohne weitere KI-Unterstützung. Das ist anstrengender, aber hoffentlich auch authentischer und eine Wertschätzung der Lesenden dieses Artikels.
Aufmerksamkeitsökonomie
Auf Social Media war virale Reichweite bisher mit Talent und Aufwand verbunden. Der spektakuläre Parcours-Sprung über die Häuserschlucht beeindruckt mehr als die öde Hundedressur im Garten. Mit Tools wie Sora ändern sich die Spielregeln: Dramatische Verfolgungsjagden lassen sich genauso generieren wie niedliche Tier-Videos. Der Unterhaltungswert schlägt die Authentizität.
Ist das schlecht? Nicht unbedingt. Kreative KI-Nutzung eröffnet neue Möglichkeiten und bereichert unsere Erfahrung. Keine Technologie hat die Inhaltserstellung so grundlegend revolutioniert.
Beispiel Vibe Coding: Schneller, aber anders
Für die prototypische Entwicklung von Lösungen an einem Innovationslabor wie dem CityLAB ist Vibe Coding ein Segen. In Minuten entstehen Ergebnisse, für die man früher Tage brauchte, vielleicht auch auf dem Weg scheiterte. Ein echter Enabler für alle, denen das Ergebnis wichtiger ist als der Prozess. Die Gewinner sind die Kreativen, die Vibe Coding wie das Spielen mit digitaler Knete verstehen, die erschaffen, ändern, verwerfen, ohne auf die Codequalität zu achten. Auf der Gas Town Code Journey haben sie die Stufe 5 oder 6 erreicht: Der KI-Assistent dominiert in der IDE, Code wird wenn überhaupt dann nur gelegentlich angesehen, aber nicht editiert. Am CityLAB profitieren die Creative Technologists (eine generalistische Rolle zwischen Design und Code) und Product Owner:innen (die mit Tools wie Figma Make, Lovable oder v0 in Minuten Feature Mockups erstellen können) am meisten von den neuen Möglichkeiten.
Für “klassische” Developer, die mit viel Erfahrung auf Codequalität achten, ist KI jedoch ein zweischneidiges Schwert. Sie rutschen zunehmend in die Rolle des Code-Reviewers: Die KI schreibt, der Mensch prüft. Selbst die Prüfung übernimmt die KI inzwischen aber oft zuverlässiger. Was auf der Strecke bleibt: Die Freude am Tüfteln, das Puzzeln und Optimieren. Die Befriedigung, ein schwieriges Problem selbst gelöst zu haben. Der Kontrollverlust über den generierten Code nimmt stetig zu, ebenso wie die Unzufriedenheit über die Aufgaben der täglichen Arbeit. Bitter sieht es für Berufseinsteiger aus: Juniorpositionen werden immer seltener ausgeschrieben, Anthropic’s Opus-Modell hat im Alleingang dafür gesorgt, dass eine Programmiersprache zu lernen in 2026 keine berufliche Perspektive mehr bietet.
Der Zwang zur Nutzung
KI unterstützt unsere Arbeit so massiv, dass es zum Nachteil wird, sie nicht zu nutzen. Wer keine KI einsetzt, gerät ins Hintertreffen. Diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die Veränderungen sind zu disruptiv, die Vorteile erscheinen zu groß. Die Prognose ist düster: Wenn die Produktivität überall gleich steigt, entstehen keine Vorteile beim Einzelnen, wir befinden uns lediglich in einem ständigen Wettrennen um kurzfristige Plätze in den vorderen Reihen. Wer innehält, wird abgehängt.
Human Out Of The Loop
Wird “Made by a human” also zum Makel? In vielen Bereichen durchaus, diese Entwicklung ist nicht umkehrbar. KI ist schnell, kennt keine Arbeitszeiten, braucht weder Urlaub noch Krankenversicherung und produziert in immer mehr Arbeitsbereichen Ergebnisse, die vergleichbar oder besser sind als ihre von Menschen erstellten Pendants. Es wäre aber falsch, zu generalisieren, stattdessen müssen wir genauer hinschauen, welchen Wert die menschliche Komponente beitragen kann.
Beispiel Texterstellung: KI übersetzt eine technische Bedienungsanleitung mit hoher Wahrscheinlichkeit kompetenter, mit Sicherheit schneller. Wer in einem vergleichbaren Beruf arbeitet, wird diesen Umstand bereits schmerzlich zu spüren bekommen. Aber wollen wir, dass KI auch Romane übersetzt? Ein LLM erstellt innerhalb von Sekunden ausführliche Software-Dokumentationen, aber kann KI Drehbücher schreiben, die uns wirklich in den Bann ziehen, deren Handlung auf feinfühlichen Beobachtungen und persönlichen, emotionalen Erfahrungen beruht? Und selbst wenn die Nachahmung menschlicher Prosa immer perfekter wird: Wollen wir Romane von KI-Autoren lesen? Der Weg scheint noch lang bis zur bedeutungsvollen Weltliteratur, geschrieben von einem Large Language Modell.
Eine weitere Bastion menschlicher Kreativität scheint der Humor zu sein. Hier versagen selbst aktuelle Sprachmodelle (ChatGPT 5.2): “Warum ging der Computer zum Arzt? Weil er einen Virus hatte.” Witzig, oder? Und wie steht es um die Kunst? KI generiert täuschend echte Remixe der großen Werke zeitgenössischer Künstler. Aber kann KI mit Intention malen? Kann KI auf einer Bühne stehen und die Stimmung des Publikums in der eigenen Kunst verarbeiten? Kann KI geleitet sein von Motivation und Interesse?
Die Beispiele sind speziell, zeigen aber auch, dass Künstliche Intelligenz große Landgewinne macht und die Bereiche, in denen Menschen unersetzbar sind, kleiner werden. Außen vor in der Betrachtung sind hier natürlich die handwerklichen Berufe, diese Disruption ist der Robotik vorbehalten.
Freiwillige Selbstkontrolle
Wir laufen Gefahr, uns mit den verlockenden Möglichkeiten der KI selbst wegzuoptimieren. Unsere Persönlichkeit verschwindet im Rauschen der Trainingsdaten. Wer sich damit unwohl fühlt, muss handeln und der Versuchung widerstehen. Wir brauchen mehr Transparenz bei Inhalten, für die wir kreative Verantwortung tragen. Wurde KI nur für Struktur und Feinschliff genutzt? Wurden große Teile vom Sprachmodell erstellt? Oder ist alles frei von KI entstanden?
Erste Ansätze existieren bereits: TikTok und Meta kennzeichnen KI-Content direkt, oft mit Content Credentials. Die EU arbeitet mit dem AI Act an Transparenzpflichten, die ab 2026 greifen. Freiwillige Standards wie AI Labels oder AI Content Labels bieten Frameworks zur Kennzeichnung.
Selbstreflexion statt Bewertung
Während gesetzliche Regelungen und Plattformlösungen wichtig sind, setze ich auf freiwillige Kennzeichnung. Kein bewertendes Ampelsystem, das KI-Nutzung in “gut” oder “schlecht” einteilt. KI-Nutzung ist nicht per se zu be- oder verurteilen. Es geht um Selbstreflexion: Autoren sollten sich bewusst machen, welchen Anteil KI am Werk hat, und dies transparent kommunizieren, auch für die eigene Identifikation mit dem Werk.
Mein Vorschlag orientiert sich an AI Labels, setzt aber auf Einfachheit:
100% human made: 100% menschlich: Eigene Gedanken in eigenen Worten. Würdigt die investierte Zeit, ohne andere Ansätze abzuwerten. Beispiel: Ein persönlicher LinkedIn-Post mit eigenen Reflexionen.
Human in the lead, with AI support: Beispiel: Ein Sprachmodell wurde gezielt eingesetzt, um Lesbarkeit zu verbessern, Fehler zu korrigieren oder zu kürzen.
teamwork of human and AI: Beispiel: Ein Text wurde im regen Austausch zwischen Mensch und KI iteriert.
Mostly AI generated, with human in the loop: Der Inhalt wurde überwiegend durch KI generiert. Beispiel: Ein Vibe-Coding-Prototyp für schnelle Umsetzung oder automatisch generierte Zusammenfassungen.
100% AI generated: Ausschliesslich durch KI generiert mit wenig bis keinem menschlichen Anteil. Beispiel: Ein vollständig KI-generiertes Video.
Ausblick
Ich werde meine Artikel zukünftig mit einer solchen Kennzeichnung versehen. Das Ziel ist nicht Bewertung, sondern Selbstreflexion und Transparenz. Nur so entwickeln wir einen verantwortungsvollen Umgang mit KI, der ihre Vorteile nutzt und gleichzeitig menschliche Kreativität und Authentizität würdigt.
Feedback und Anregungen zur Verbesserung sind willkommen.